Am Morgen vom 14.05.2020 kam diese Ankündigung von Twitter: Künftig können alle Mitarbeiter “für immer” im Homeoffice arbeiten. Unbegrenzt und nach eigenem Gusto, auch wenn die Corona-Krise vorbei ist. Das Unternehmen hatte sie zu Beginn der Krise nach Hause geschickt und gemerkt, wie gut das funktioniert. Twitter ist damit nicht alleine. Auch die Firmenchefs vom Software-Hersteller aus dem Münsterland oder der Firma für KI-Lösungen aus NRW machen gerade diese Erfahrung. Und ziehen ihre Konsequenzen für ein verändertes Arbeiten in der Zeit nach Corona. Macht das Sinn? Ein Kommentar

Schöne neue Welt: Homeoffice unbegrenzt?

Die Forderung nach konsequent freier Arbeitsgestaltung ist nicht neu. Schon als ich 2007 bei Microsoft angefangen hatte, gab es das Thema Arbeiten unabhängig vom Büro und von festen Zeiten. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Woche in der Firmenzentrale in Unterschleißheim. Ein Mitarbeiter sollte mich einarbeiten. In freudiger Erwartung traf ich am Montag ein, und wir setzen uns zusammen. Um zwei Uhr packte mein Ansprechpartner plötzlich seine Sachen zusammen. Er müsse zum Kindergeburtstag von seinem Sohn. Abends würde er sich nochmal ransetzen. Und ich? Wir könnten ja am nächsten Tag weitermachen. Und sowieso, ich hätte ja Zugang zum Server, da könnte ich mich ja schon mal einlesen.

Um es klar vorab zu sagen: Ich bin kein Gegner vom Homeoffice. Im Gegenteil. Was aktuell aber passiert, müssen wir alle meiner Meinung nach aber mit Vorsicht betrachten. Homeoffice ist nicht die allseligmachende Geheimwaffe, und es muss gut und passend zur Unternehmenskultur umgesetzt werden. Nicht umsonst sind Firmen wie Sipgate in den letzten Jahren dazu übergegangen, die Homeoffice-Praxis zurückzudrehen. Ihr Anspruch: Alle Mitarbeiter sollten sich möglichst im Büro in Düsseldorf einfinden, weil so im gemeinsamen Miteinander bessere Konzepte und Produktideen entstehen. Wie solltest du es jetzt also angehen?

Hintergedanken gibt es auch

Ein investmentfinanziertes Startup aus München hat ähnliche Erfahrungen wie Twitter gemacht. Zu Beginn von Corona hat der Inhaber alle 30 Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt. Das hat so gut geklappt, dass er jetzt zum Sommer die teuren Büroräume abgekündigt hat. Seine neue Maßgabe: “Wir werden eine konsequent virtuelle Firma.” Durch agiles Arbeiten und Tools wie Daily Scrums sind die Mitarbeiter ja trotzdem  im ständigen Austausch miteinander. Die Trackingsysteme machen möglich, dass der Arbeitsfortschritt vom Einzelnen komplett transparent ist. Und der Zusammenhalt untereinander? Wie will er eine gute Unternehmenskultur erreichen? Auch darauf hat er eine Antwort. “Wir fahren künftig mehrfach im Jahr für je 1 Woche nach Mallorca. Und zwar alle Mann zusammen.”

Was der Inhaber nicht offen sagt: Er hat einen Hintergedanken. Mit den neuen Maßnahmen kann er nämlich die Kosten weiter senken. Seine Überlegung: Wenn die Mitarbeiter künftig sowieso virtuell arbeiten, braucht er dann überhaupt noch den teuren Junior aus Deutschland? Oder kann er ihn nicht doch besser durch den Senior aus Indien ersetzen, der ja viel günstiger ist? Virtuell arbeiten dann alle Mitarbeiter sowieso schon. Warum das also nicht ausnutzen, und noch konsequenter diesen Weg gehen?

Das wollen die Mitarbeiter

Halte einmal einen Moment inne. Wie wirkt das auf dich?  Willst du es auch so machen oder findest du solche Überlegungen bedenklich?

Ich möchte deinen Blick jetzt auf die Mitarbeitersicht lenken. Klar sind viele zufrieden im Homeoffice. Sie beobachten: Die Effizienz steigt an. Die familiäre Anbindung kann – muss nicht – ein Vorteil sein, zumindest wenn die Kinderbetreuung nicht als Daueraufgabe parallel läuft. Und die technischen Systeme funktionieren tatsächlich erstaunlich gut, besser als je vor Corona gedacht.

Aber schau dir mal das an. Ich war neulich in einer Zoom-Videokonferenz mit 68 Mitarbeitern aus mittelständischen Firmen und Konzernen. Die allermeisten von ihnen waren da schon einige Wochen im Homeoffice. Thema der Videokonferenz war: “Was macht eine gute Unternehmenskultur aus?” Bei einer menti.com-Umfrage konnten die Teilnehmer ihre Meinung kundtun. “Was hat in deinem beruflichen Umfeld seit Beginn der Corona-Krise gut funktioniert? Und was nicht?” Es hagelte Kommentare wie: „Mir reicht es an Online Meetings. Ich möchte wieder echte Mitmenschen um mich herum haben.” “Mir fehlt der Flurfunk.” “Das Gesamtbild auf die Firma und Stimmung fehlt.” “Zwischenmenschliche Beziehungen vermisse ich  doch.” “Konflikte lassen sich schwerer klären.” “Die Trägheit nimmt zu.” “Kollegen lassen sich ablenken.”

Und Einige lieferten auch gleich konstruktive Vorschläge, wie die Zusammenarbeit aus dem Homeoffice verbessert werden kann: “Damit der Austausch gut klappt, ist ein sehr strukturiertes Vorgehen nötig.” “Wenn ich in ein Meeting hereingehe, nimm dir Zeit für eine gute technische Vorbereitung.”

Best Practice-Beispiel

Du siehst an all diesen Äußerungen von Mitarbeitern: Auch ein gut funktionierendes Homeoffice will eingeführt werden. Jeder der genannten Kommentare von oben ist im Grunde ein Ansatzpunkt für dich, um daran zu arbeiten.

Ich will dir meine eigene Bewertung nicht vorenthalten. Unter den vielen Kunden, die ich aktuell zur Krise und zu ihrer zukünftigen Auftstellung berate, war auch ein Firmenchef aus Nordrhein-Westfahlen. Auch er hat, wie die anderen, konsequent mit Corona-Beginn auf Homeoffice gesetzt. Auch er hat Tools eingesetzt, die den täglichen Austausch digital ermöglichen und den Arbeitsfortschritt transparent darstellen. Aber: Trotz Corona und Abstandsgebot hat er eben nicht nur und ausschließlich auf Homeoffice gesetzt. Und zwar aus gutem Grund: Nicht jeder Mitarbeiter ist gleichermaßen für Homeoffice geeignet. Dieser Firmenchef “kennt seine Pappenheimer”, sprich: er weiß genau, wer gut und diszipliniert arbeitet, auch im Homeoffice. Und eben, wer in seiner Belegschaft dafür nicht so geeignet ist. Wer erst aufblüht, wenn er andere um sich herum hat. Wer Lösungen im Dialog mit anderen entwickelt. Kurz gesagt: Bei diesem Typus Mitarbeiter ist Selbstführung nicht die größte Stärke. Was hat der Firmenchef deshalb gemacht? Er hat genau diese Mitarbeiter vor Ort arbeiten lassen. Hat sie in jeweils einen Büroraum einzeln sitzen lassen, in dem vor der Krise 5 oder 6 Mitarbeiter gesessen hatten. Aber so konnte er auch sie für gute Leistungen bei der Stange halten. Er käme nicht im Traum darauf, die Büroräume abzukündigen und seine Firma in eine rein virtuelle umzuwandeln, eben weil erkannt hat, wie wichtig für Manche der Austausch und Zusammenhalt ist.

Fazit: Tipps für dich

Es geht nicht weniger als darum, in welchem Umfeld und wie wir künftig zusammenarbeiten wollen. Meine Empfehlung an dich ist: Pauschale Rezepte wird es keine für deine Firma geben – es hängt davon ab. Von dir als Unternehmer, von eurer bisherigen Unternehmenskultur und auch von deinen Mitarbeitern. Sieh dir an: Wie habt ihr bisher Spitzenleistungen gebracht? Hat das ausgereicht, oder gewinnt ihr jetzt durch Corona neue Möglichkeiten und Ideen, euch zu verbessern? Auf jeden Fall macht Sinn: Entwickele die Änderungen gemeinsam mit deinen Mitarbeitern und setze sie dann gestuft um. Nicht wie Twitter mit dem großen Paukenschlag. Also um es klar zu sagen: Das Büro wie im Beispiel der Münchner Firma mit dem Hintergedanken abzukündigen, künftig in der virtuellen Firma Einzelne durch die günstigere Ressource aus Indien zu ersetzen, wird dich massiv Vertrauen kosten. Deine Mitarbeiter zu motivieren, Spitzenleistungen zu bringen, in einem Setting, das für dich, für die Firma und für die Mitarbeiter passt, wird so nicht klappen. Und darum geht es doch, oder?

Paula Brandt ist Expertin für neue Unternehmensführung. Sie wird oft gerade von Unternehmern für die „Transformation nach der Transformation“ hinzugezogen. Sprich: Dann, wenn die eigentlich geplanten Ziele nicht erreicht wurden.

>>Kontakt zu uns